(2) Kleiner Ritter Roland

Da stand er unter seinem Lieblingsbaum in einer zerissenen Baumwollhose und einem schon sehr verblichenen roten Hemd. Seine Mutter hatte im Moment nicht die Zeit und das Geld, die Hose zu flicken oder etwas neues zu kaufen.



Der Sommer war sehr kühl gewesen und viel Regen hatte die Felder zwar bewässert, aber das Korn war teilweise verfault. Im Dorf war außerdem gestern wieder ein großer Trupp von Rittern aus der Stadt gekommen und hatte für den Fürsten Abgaben gefordert. Roland verstand das nicht. Die Leute im Dorf hatten kaum etwas für sich selbst - und dann nahm ihnen der Fürst noch Kühe, Schweine, Korn und anderes ab.



Aber jetzt genoss er den frischen Wind, der ihm um die Nase wehte. Er sah ein paar Bienen von Blume zu Blume fliegen und träumte von einem großen Glas Honig. Er hatte erst einmal in seinem Leben Honig gegessen. Als sein Großvater noch lebte, da war er an einem späten Sommertag zu ihnen gekommen und hatte ein kleines Glas und frisches Brot mitgebracht. Und in diesem Glas war gelber, klebriger Honig gewesen. Roland hatte noch nie in seinem Leben etwas so feines gegessen.



Und wärend Roland noch vom großen Glas Honig träumte und mit geschlossenen Augen den Geräuschen um sich herum lauschte, wie das Summen der Bienen, das Rascheln der Blätter im Wind, das Zwitschern von Vögeln, schreckte er plötzlich auf.

In der Ferne hörte er das Trappeln von Pferdehufen. Kamen die bösen Ritter des Fürsten zurück zum Dorf, um wieder neue Abgaben zu fordern? Ängstlich blickte er auf und suchte den Horizont nach den Rittern ab. Er suchte und suchte - und plötzlich erblickte er einen einzelnen Reiter, der direkt auf dem geraden Weg zum ihm, zu seinem Lieblingsbaum, den Berg herauf ritt.

Es war ein Ritter - doch nicht in dunkler Rüstung mit geschlossenem Visier und den schwarzroten Fahnen des Fürsten. Es war ein Ritter in einer goldenen Rüstung auf einem weissen Pferd. Er trug kein Visier. Blonde lange Haare umrahmten ein lachendes Gesicht.

Roland stand auf und fragte sich, wer das wohl sei.

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